Januar 2012 – Glück
Das vergangene Jahr gab uns viel Anlaß, nachzudenken. Vor allem über Glück. Weil wir nicht einsehen wollten, daß uns Depressionen verordnet werden, nur weil die Wirtschaft in Depression und Krise steckt. Denn wenn, umgekehrt, die Wirtschaft wächst, bedeutet das ja noch lange nicht, daß wir uns alle im Glückstaumel befinden. Wir dachten an Hans im Glück, der bei jedem Tausch mehr hergibt, als er bekommt, und dabei immer glücklicher wird. Liegt also der Weg zum Glück in der Reduzierung? Aber ist denn nicht, dachten wir weiter, die radikalste und konsequenteste Reduzierung die – nun ja, die elimination?
Wir werden auf jeden Fall als elimination auch im kommenden Jahr unser Bestes tun, Ihnen Glücksmomente zu bescheren. Beinahe hätten wir geschrieben: Sie glücklich zu machen. Aber nach all unseren Gedanken über das Glück käme uns ein solches Versprechen geradezu tollkühn vor. Oder hat man schon jemals von chronischem Glück gehört? In diesem Sinne wünschen wir Ihnen ein neues Jahr mit möglichst vielen Augenblicken des Glücks.
November 2011 – Ein Brief zu Weihnachten
Liebe elimination,
lang nix mehr gehört. Wie geht's euch denn so?
Was mich betrifft – einerseits hatte ich ziemlich viel um die Ohren. Andererseits war es so, daß ich nach dem letzten News-Beitrag ehrlich gesagt keine Lust hatte, mich bei euch zu melden.
Keineswegs deswegen, weil ich persönlich beleidigt gewesen wäre. Aber ich muß sagen, daß es nicht einmal bei meinen rein kommerziellen Auftraggebern üblich ist, einen Text, der nach Auffassung des Auftraggebers nicht so ist, wie er sein sollte, in Bausch und Bogen abzulehnen. Sondern es wird, falls nötig, Kritik geübt und daraufhin seitens des Autors nachgebessert.
Ihr aber seid für mich keine rein kommerziellen Auftraggeber, sondern eigentlich Herzensmenschen, deren Leben und Arbeit ich mit großer Sympathie verfolge.
Umso mehr fand ich es enttäuschend, daß gewisse "Grundregeln" konstruktiver Zusammenarbeit eurerseits völlig über den Haufen geworfen wurden.
Es ist nicht so, daß ich euch einen Text nach dem Motto "so schreibe ich, ich kann nicht anders" anbiete und erwarte, daß ihr ihn wie Moses' Gesetzestafeln hinnehmt. Vielmehr handelt es sich bei jedem Text um ein ANGEBOT meinerseits, für das ich natürlich im Idealfall Akzeptanz erwarte – im Nicht-Idealfall jedoch Kritik, auf daß ich den Text nochmal überarbeite.
Mit anderen Worten: Ich werde garantiert niemals mehr einen Text für euch "ins Blaue" hineinschreiben, sprich, mich mit der Möglichkeit abfinden, daß er ohne weitere Diskussion (!) abgelehnt und jeder Versuch meinerseits, ein Gespräch darüber zu führen, abgewürgt wird.
So kann ich nicht arbeiten, und ich verstehe eine solche Art zu arbeiten nicht als konstruktive Zusammenarbeit.
Ich werde aber sehr gern und mit großer Freude weiterhin für eure News-Rubrik Texte verfassen, wenn ein sowohl unter Geschäftspartnern als auch erst recht unter Freunden übliches Procedere eingehalten wird, in dem im "Wechselspiel der Kräfte" an einem Beitrag gearbeitet wird, bis er so ist, wie er sein soll.
In diesem Zusammenhang kann ich nur noch einmal sagen, daß ihr für mich wirklich Herzensmenschen seid, daß ich aber mich letztes Mal durchaus nicht so behandelt fühlte, als sei ich einer für euch.
Und nochmal: Gern mache ich Textangebote, die dann, wenn nötig, mithilfe eurer Kritik verfeinert werden. Gerade deswegen, weil keine permanente Standleitung zwischen uns besteht, mittels derer ich ununterbrochen auf dem laufenden wäre, was bei euch geschieht, ist es nötig, daß ein Dialog stattfindet über etwaige Änderungen/Verbesserungen, falls einmal ein Text, wie geschehen, euch nicht so trifft, wie ihr es gern hättet. Eine kategorische Ablehnung eurerseits dient der gemeinsamen Sache nicht.
Ich kann nicht umhin, euch daran zu erinnern, daß ihr selbst eine textliche Aufmöbelung euerer Homepage gewünscht habt, weil ihr euch damit überfordert fühlt. Letztes Mal kam ich mir allerdings so vor, als würde ich euch etwas aufdrängen, was ihr gar nicht wollt. Da bitte ich euch sehr darum, euch bei nächster Gelegenheit zu überlegen, was und ob ihr nun wollt oder was ihr nicht wollt.
Es geht in eurem Falle um Dialog, damit etwas zustandekommt, womit ihr 100prozentig zufrieden seid. Wenn der Dialog euererseits abgewürgt wird, schadet es dem Ergebnis.
Und bitte denkt auch darüber nach, was ihr eigentlich von mir wollt. Eure Webseite war mir stets mehr Herzens- als Kommerzprojekt, und meinem Empfinden nach sollte das auch so bleiben.
Nächste Woche werde ich mich bei euch telefonisch melden, um die Lage zu sondieren.
Schöne Grüße,
Elmar
Juni 2011 – Die Sinnkrise
Neulich sind wir auf ein Zitat gestoßen, das uns sehr gefallen hat. "Der Kultivierte", lautet es, "bedauert nie einen Genuß. Der Unkultivierte weiß überhaupt nicht, was ein Genuß ist." Es lieferte uns viel Gesprächsstoff, und irgendwann meinte Herr Müller, das sollte unbedingt in den nächsten News-Text auf unserer Homepage rein, damit jeder, der uns noch nicht kennt, für die kultivierten Ästheten hält, die wir sind.
Doch dann machte uns das "Streiflicht" der Süddeutschen Zeitung einen Strich durch die Rechnung. Bei Liebhabern des Oscar-Wilde-Zitats, hieß es da, handele es sich um einfallslose Menschen, die vom Geistreichtum anderer profitieren, denn das Oscar-Wilde-Zitat sei dermaßen spritzig und süffisant, daß man seine eigene Langweiligkeit darin ertränken könne. Wir fanden zwar, daß Zeitungen sich damit begnügen sollten, einem die Laune mit schlechten Nachrichten zu verderben und nicht auch noch mit geschliffenen Lästereien, aber dennoch, unser Plan, uns mithilfe Oscar Wildes zu profilieren, war damit gestorben – gibt es doch nicht wenige elimination-Kunden, denen wir ein SZ-Abonnement zutrauen. Aber wie kommt es überhaupt, werden Sie fragen, daß wir die Muße haben, in Wilde-Aphorismen zu blättern, und uns ferner unterstellen, daß wir trotz Wirtschaftsaufschwung in der Wirtschaftskrise sind und schlichtweg nichts zu tun haben.
Das wäre ein Irrtum. Unsere Krise ist eine andere, und deshalb haben wir unsere Interessen verlagert, weg von der SZ, die derzeit, vom Streiflicht abgesehen, ungelesen in den Papierkorb wandert, und hin zu ewiggültigen Worten, die uns ein Freund des Hauses zur Bewältigung der Sinnkrise in Gestalt eines Schopenhauer-Büchleins auf den Schreibtisch gelegt hat.
"Es ist die größte Verkehrtheit, diesen Schauplatz des Jammers in einen Lustort verwandeln zu wollen und, statt der möglichsten Schmerzlosigkeit, Genüsse und Freuden sich zum Ziele zu stecken. Viel weniger irrt, wer diese Welt als eine Art Hölle ansieht und demnach nur darauf bedacht ist, sich in derselben eine feuerfeste Stube zu verschaffen", deklamierte gestern Herr Müller beim zweiten oder doch schon dritten Morgenkaffee, in der Hand die "Aphorismen zur Lebensweisheit".
Damit brach die Sinnkrise erst richtig aus. Morgen kann Temelín in die Luft fliegen, übermorgen eine Ehec-verseuchte Gurke uns dahinraffen, und wir sollen so tun, als wäre nichts, und fröhlich weiterhin Wohnträume erfüllen? "Nein", murmelt Herr Müller beim vierten Kaffee, "das kann so nicht weitergehen …" Ob er damit eventuell nur den täglichen Kaffeeüberkonsum meinte, ist noch unklar. Aber klar ist: Falls Sie schon eine Weile mit dem Gedanken liebäugeln, elimination mit der Neugestaltung Ihres Domizils zu einer feuerfesten Stube in der Hölle der Welt zu beauftragen, so tun Sie es jetzt. Denn wer weiß, wie lange es uns noch gibt. Oder Sie. Wie sagte doch Stanislaw Jerzy Lec? "Nicht jedem gelingt das Tanzen nach der Zukunftsmusik."
April 2011 – Von Facebook zurückgekehrt
Sie haben lang keine Neuigkeiten mehr von elimination gelesen. Gern verraten wir Ihnen, warum. Wir waren auf facebook. Und jetzt will‘s keiner gewesen sein.
Frau Hofbeck meint, Herr Müller ist schuld. Weil der sich nämlich monatelang darüber beschwert habe, daß ihn überhaupt niemand mehr zu irgendwas einlädt, und sie hat noch genau im Ohr, wie er gesagt hat, er fühle sich allmählich ausgegrenzt von der Gesellschaft –
– was aber, entgegnet Herr Müller, keineswegs bedeuten sollte, daß elimination bei facebook angemeldet wird. „Ausgegrenzt sein macht mir sowieso nix mehr aus – das erleb ich doch in meiner eigenen Firma jeden Tag!“
Dann ist eben Bernd X. schuld, der Grundschulkamerad von Frau Oest, von dem im Dezember unvermittelt die Nachricht eintrudelte: „Bernd X. möchte auf facebook seine Urlaubsfotos mit dir teilen. Du bist nicht bei facebook? Jetzt registrieren!“ Rein aus Versehen, sagte Frau Oest, habe sie den Link angeklickt, und kurz darauf war die facebook-Falle zugeschnappt.
Ab da waren wir täglich mit der Frage „Was machst du gerade?“ beschäftigt. Die wahrheitsgemäße Antwort hätte gelautet: „Wir sitzen am Schreibtisch und starren den PC-Monitor an“, aber wir hatten Angst, irgendwie uncool rüberzukommen. Also haben wir erst einmal nachgesehen, was der Rest der Welt auf facebook so alles macht, und ehe wir‘s uns versahen, schmolz der Schnee, die Vögel sangen, und die Frühjahrssonne schien ins Büro und erlöste uns aus einem langen virtuellen Dauerparty-Alptraum, in dem wir viele Freunde bekamen, die wir lieber nicht bekommen hätten, und über die wir Dinge erfuhren, die wir so genau auch wieder nicht wissen wollten.
Nur Sie, unsere Kunden, haben wir auf facebook nicht getroffen – insgeheim hatten wir ja gehofft, daß wenigstens einer von Ihnen zwanzig, dreißig, ach was, fünfzig Fotos von seinem frisch eliminierten Domizil hochlädt.
Also hat elimination den facebook-Account kurzerhand wieder abgemeldet. Jetzt haben wir wieder Zeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Die Neuigkeiten-Rubrik auf unserer Homepage zum Beispiel.
Dezember
Ehe die unbesinnliche Adventszeit uns restlos den Atem raubt, möchten wir Ihnen noch eine letzte Botschaft zurufen: Bleiben Sie neugierig - auf das Leben, auch wenn es nicht immer so nett ist, wie Sie und wir es eigentlich verdient hätten, und natürlich auf elimination. Wir sind es auch - und in diesem Jahr ganz besonders auf die Wege von vier Menschen, die frisch auf der Erde gelandet sind und die wir herzlich willkommen heißen: Jona Marie (*24. März), Matteo (*11. Juli), Maya Margarete (*5. Oktober) und Noa Andy (*29. Oktober).
elimination und der Novemberblues
Kürzer werden die Tage. Und je kürzer die Tage, um so größer die Sehnsucht, sich vor dem kommenden Winter aufs Sofa zurückzuziehen.
"Neben dem Sofa", sinniert Frau Oest in der Kaffeepause, "müßten all die Bücher aufgestapelt sein, die man schon längst mal lesen wollte. Und ein Weinglas müßte es geben, das nie leer wird... oder einen Zimmerbrunnen, aus dem Rotwein sprudelt... oder von mir aus auch einen Sklaven, der immer wieder nachschenkt... ähm, Herr Müller? Können wir nicht einfach die nächsten vier Monate Betriebsurlaub machen? Mit Gehaltserhöhung, damit ich mir den Sklaven leisten kann?"
Herr Müller erlaubt sich die Gegenfrage, ob denn irgendjemand hier im Raum sich einbilde, er habe den Betrieb eigens zu dem Zweck "Betriebsurlaub" gegründet - ?
"Nein...", ächzt Frau Oest, "natürlich nicht, aber... haben wir vielleicht wenigstens ein bißchen Rum zum Kaffee? Ich halt diese Herbstdepression sonst nicht mehr aus... aaaaaah!"
Haben Sie das bis zu dieser Stelle geglaubt? Dann kennen Sie uns schlecht. Wir haben unsere Krise nämlich im Hochsommer, wenn wir halbtot vor Hitze im Büro herumlungern und darüber nachdenken, ob mit uns irgendwas nicht stimmt, weil uns die Freibadfröhlichkeit kein bißchen ansteckt – und wo wir Angst davor haben, daß plötzlich das Telefon klingelt, weil es ein Kunde sein könnte, der uns zu einem Termin hinausjagt - in das gleißende Sonnenlicht, wo wir sofort erblinden würden -
Aber jetzt haben wir diese Zeit des Elends überstanden und sind mitten im herbstlichen Schaffensrausch, eilen von Messe zu Messe, von Kunde zu Kunde und kriegen gar nicht mit, wie das Herbstlaub leise den Novemberblues raschelt. Und überhaupt ist Herr Müller der Meinung, daß ihn ein Winter auf dem Sofa in den sicheren Wahnsinn treiben würde.
"Irgendwann würd ich nämlich bloß noch zum Fenster rausgucken und an den Erhard denken, der halberfroren durch die Oberpfälzer Schneehölle da draußen irrt und von rachsüchtigen Wildschweinen in 'nen Hinterhalt gelockt wird. Neenee, da hab ich doch eindeutig lieber Arbeit als Wahnsinn."
Das wäre bei elimination sowieso dasselbe, meinen Sie? Stimmt. Aber versuchen Sie doch mal, Ihre Wohnträume von Menschen erfüllen zu lassen, die ganz normal sind. Dann werden Sie schon sehen.
Oktober 2010
Geronimo ist verschwunden
Falls Sie es nicht im Radio gehört, in den Nachrichten gesehen oder in der FAZ gelesen haben: Eines Morgens Ende August war Geronimo weg. Drei Stunden später war elimination für Kunden unerreichbar. Frau Hofbeck hatte ein ums andere Mal „Geronimo!“ gerufen, bis sie ihre Stimme verlor, und dann zwei Befehle auf Notizzettel geschrieben: Nummer eins an Herrn Reindl, er solle unverzüglich seine Kollegen vom Jägerstammtisch mobilisieren und mit ihnen die Wälder um Waltersberg durchkämmen, und Nummer zwei an Frau Oest und Herrn Müller, sie sollten sich sofort an die Gestaltung einer individuell auf Geronimo zugeschnittenen Wohlfühl-Hundefalle machen – gut genug würden sie seinen Geschmack ja mittlerweile kennen.
Drei Tage lang ruhte der Betrieb, während sich die Oberpfalz in einen Hexenkessel verwandelte. Hubschrauber mit Infrarotkameras kreisten zwischen Neumarkt, Weiden und Oberviechtach, Spähtrupps der Bundeswehr robbten durch das Unterholz, eine Hundertschaft Bereitschaftspolizei durchkämmte die Ortschaften, alle im Umkreis gemeldeten Chinesen wurden vernommen, und die Urlauber flohen aus dem vermeintlichen Katastrophengebiet.
Am vierten Tag wurde Geronimo von einem Förster aufgegriffen. Und zwar am Zaun des Wildgeheges in Eslarn, wo er sehnsüchtig das Rotwild angestarrt haben soll.
Frau Hofbeck, wieder bei Stimme, besprach den Anrufbeantworter mit einer Betriebsurlaubsansage und buchte einen Monat Hundeschule.
Nun kehren wir allmählich wieder zur Normalität zurück und bearbeiten die liegengebliebene Post. Herr Müller öffnet ein amtlich aussehendes Kuvert.
„Evi! Kann das sein, daß wir für 3,4 Millionen EUR Suchtrupps, Jeeps und Hubschrauber bestellt haben?“
Nach Frau Hofbecks Ansicht ist der Einsatz mit der überhöhten Tabaksteuer abgegolten, die sie schon ihr halbes Leben lang bezahlt. Sollte das Innenministerium ihre Ansicht nicht teilen, wird elimination im Herbst die Preise neu kalkulieren, und soviel können wir Ihnen jetzt schon sagen: Schnäppchenpreise werden es nicht …
August 2010
elimination, Montagmorgen, zehn Uhr dreißig: Einer fehlt – Erhard. Herr Müller wird nervös.
„Evi, schau doch mal in den Kalender – vielleicht hat er schon wieder Urlaub? Mir sagt ja nie einer was.“
„Unmöglich! Der Erhard, der war doch erst neulich im Urlaub – und zwar, Moment“ – Frau Hofbeck blättert – „im August 2007. Da war er auf Elchjagd in Norwegen. Wo ihn die Mücken so zerstochen haben. Und da hat er selber gesagt, die nächsten zehn Jahre braucht er keinen Urlaub mehr.“
Frau Oest vermutet einen Jagdunfall am Wochenende und schlägt vor, Erhard auf seinem Mobiltelefon anzurufen. Aber wer macht‘s? Herr Müller?
„Nee, das tu ich mir nicht an! Womöglich liegt er irgendwo im Oberpfälzer Wald mit einer Schrotladung im Bauch, und ich muß mir durchs Handy seine letzten Worte anhören! Das ertrag ich einfach nicht! Evi, mach du das mal!“
Frau Hofbeck atmet tief durch und wählt beherzt die Nummer.
„Erhard? Du lebst noch? Ja, sag einmal – wir sitzen in der Firma beim dritten Kaffee und sind furchtbar nervös – du bist wo? In Tschechien?“
Sie lauscht einem längeren Monolog. Herr Müller knetet verzweifelt an einem Radiergummi.
„Gut, Erhard – schön – bis später!“
„Evi! Was macht denn der in Tschechien?“
„Der Erhard hat heute früh einen Marder im Auto entdeckt, und den hat er jetzt gerade im Böhmerwald ausgesetzt. Aber in einer Stunde ist er wieder zurück, und wir sollen ihm nicht böse sein – er hat ein Wildschwein im Kofferraum, und wir sind diese Woche zum Grillen eingeladen.“
Herr Müller nimmt einen Rotstift zur Hand und markiert sich den heutigen Tag im Kalender. Wenn er neuerdings, meint er, schon am Montag darüber nachdenken muß, ob er den Laden dichtmachen soll, dann sei doch alles zu spät. „Und das werd ich dem Erhard noch sagen – der hat als Kind eindeutig zu viel Daktari geguckt!“
Juli 2010 – Zwischen Sommerbeginn und Volksentscheid
Nicht jeder, der uns zur Zeit im halbdunklen Büro besucht, glaubt uns, daß wir den Sommer lieben. Manche glauben sogar, wir würden den Sommer lediglich als „zu hell“, „zu warm“ und „kein Schnee vor den Fenstern“ wahrnehmen. Ein Irrtum. Nur dieses Jahr betrachten wir nicht den blühenden Flieder, sondern starren täglich auf den Wandkalender, auf dem der Tag des Volksentscheids mehrfarbig markiert ist.
Herr Müller raucht nicht und leidet schon seit einiger Zeit darunter, vom rauchenden Volk allein am Restauranttisch zurückgelassen zu werden.
„Aber auch wenn du mit ‚nein‘ stimmst, Herr Müller – in Restaurants wird's keine Aschenbecher mehr geben!“
Frau Hofbeck zündet sich eine Zigarette an. Zwar hat sie eben erst eine ausgedrückt, doch hat sie sich angewöhnt, auf Vorrat zu rauchen, um die rauchfreien Abende in der Gastronomie zu überstehen.
„Also kann ich genauso gut auch ‚ja‘ ankreuzen, wenn es sowieso keine Raucherrestaurants mehr geben wird“, überlegt Herr Müller. „Ich bleib ja so oder so allein am Tisch. Oder darf man dann hier im Büro auch nicht mehr rauchen?“
Da müßte man, meint Frau Oest, den Gesetzesentwurf zum Nichtraucherschutz noch einmal sorgfältig durchlesen. Aber eigentlich ginge es beim Volksentscheid hauptsächlich um Kneipen. Natürlich stünden im Gesetz auch Kindergärten und Krankenhäuser und so. Aber von sowas wie elimination sei nicht die Rede.
Herr Müller widerspricht. Manchmal fühle er sich einfach krank in diesem Laden, sagt er. Manchmal kommt er sich besoffen vor, obwohl er gar nichts getrunken hat. Und manchmal – „na ja, wie im Kindergarten eben!“
Warum, verrät er nicht.